Die Sage von der „Herchenbergsjungfer' und dem „Molemännchen"

— aus der mündlichen Überlieferung alter Brohltaler —

Andreas Breuer

Der industrielle Abbau des Herchenberges hat auch jene Felsen des Vulkans zerstört, um die sich einstens die Erzählungen und die Gedanken der Altbrohltaler rankten, die zu ihren Füßen oder in ihrer Nähe wohnten.

Die beiden Felsen wurden einst im Volksmunde „Herchenbergs Juffer", auf dem Südwesthang stehend und auf den Beunerhof blickend, und „Molemännchen", auf der Ostseite des Berges gen das heutige Burgbrohl-Lützingen herabschauend, genannt.

So aber erzählte man sich einstens: In Oberlützingen lebte in alter Zeit ein reicher Edelmann, der Junggeselle war und ein lasterhaftes Leben führte. Seine Untertanen stöhnten unter der Last von Fron, Zehnt und Zins. Sein größtes Vergnügen aber war, auf der Jagd mit seiner Hundemeute durch die Kornfelder der armen Bauern zu reiten und zu jagen. Und plagte ihn gar stark die Langeweile, dann ritt er hinüber zum stolzen Töchterlein des Hofbauern auf dem Beunerhof, der auf der Südwestseite des Herchenberges an einem von der Herbstsonne vergoldeten Oktobertage ein Mönch auf den Beunerhof, um mit dem Hofbauern über die Ablieferung des Weines an das Kloster zu sprechen. Beide gerieten in eine heftige Auseinandersetzung und sprachen sich nicht gerade liebevoll an, weil der Hofbauer es nicht geliegt. Weil es der Eitelkeit des Hofbauern, den Eltern jenes Mädchens, schmeichelte, daß ihr einziges Kind von einem so stolzen, vornehmen Edelmann gefreit wurde, war er dort ein gern gesehener Gast.

Der Beunerhof gehörte als Klostergut zu einem benachbarten Kloster. Zu ihm gehörte am Südwesthang des Herchenberges ein Rebstück, während der gegenüberliegende, teilweise auch weintragende Hang Eigentum des Oberlützinger Edelmannes war.

Der Edelmann aber hatte wegen eines Weinberges am Herchenberg, solange er denken konnte, Streit mit dem Kloster. Wo es ihm möglich war, ärgerte er Abt und Mönche und versuchte, das Kloster zu schädigen. So kam wagt hatte, im strittigen Weinberg für das Kloster die Weinlese zu halten. Es kam soweit, daß der Mönch den Eltern und der Tochter bittere Vorwürfe über den Verkehr mit dem gottlosen Edelmann machte. Gewöhnlich pflegt der Teufel selbst zu erscheinen, wenn man ihn an die Wand malt. Plötzlich sah der Mönch den Edelmann auf gar feurigem Rosse in den Hof reiten. Es gab kein Flüchten mehr für ihn, darum lief er in den offenstehenden Keller und verbarg sich hinter den mächtigen Weinfässern.

Die Tochter, gekränkt in ihrem sündhaften Stolze durch die Ermahnung des Gottesmannes, berichtete über den Vorfall dem Edelmann und verriet das Versteck des Mönches. Haß, lodernde Flamme der Rachsucht schlug in dem Edelmann empor, als er in den Keller stürzte, den Wehrlosen überfallend. Das Mädchen aber war ihrem Geliebten gefolgt, um sich an der Qual und dem Leid des. Mönches zu ergötzen. Vergebens bat jener um Erbarmen. Im Gegenteil, sein Bitten und Flehen verstärkten nur den Jähzorn des Edelmannes und das schrille, lüsterne Lachen des Mädchens.

In seiner Not des Sterbens und der Angst sprach der Mönch einen schrecklichen Fluch aus: „Eure Geschlechter sollen früh verderben oder sterben, Euer Haus bleibe ohne

Erben." Hohngelächter der beiden antwortete ihm. Da hob der Geschändete die Hand zum Himmel und rief voll Schauern: „Weil Eure Herzen von Stein sind, sollt ihr beide zu Stein werden und droben in den Weinbergen stehen, aber so, daß Ihr Euch niemals sehen und auch nicht zueinander kommen könnt." Die Wut des Edelmannes kannte darob keine Grenzen. Er stürzte sich auf den Mönch und erdrosselte ihn mit eigenen Händen.

In diesem Augenblick verfinsterte sich der Himmel. Sturm heulte auf und peitschte dunkle Wolken über den Herchenberg. Es erhob sich ein Unwetter, Blitze zuckten und Donner krachte, dass die Mauern des Hauses erzitterten und die Felsgeklüfte des Herchenberges wankten.

Als das furchtbare Unwetter vorüber war, hatte sich der Fluch des sterbenden Mönches erfüllt. Die hartherzige, stolze und schöne Jungfrau vom Beunerhof war in einen ragenden Fels auf der Südwestseite und der so gottlose, grausame Edelmann in einen hohen Felsen auf der Ostseite des Berges verwandelt.

Aber auch jener erste Fluch des Mönches erfüllte sich. Bauer und Bäuerin starben bald an einer tückischen Krankheit und keine Geschichte weiß vom Edelmann zu berichten. Nur die dunkle Sage von seinem Schloß, das auf dem „Bungert" gestanden haben soll, kreist in der Leute Munde.

Unserer technisierten schnelllebigen Zeit blieb es vorbehalten, die letzten Spuren jener Altvätersage zu vernichten. Trotzdem erzählt man auch heute noch, wenn die Nebelschwaden im „Beuner Dümpel" und im „Scheid" wogen, daß die Jungfrau im fahlen Mondschein zu tanzen scheint, um ihren Geliebten herbeizulocken. Der aber eilt an der „Mol" ruhelos umher, denn die Kraft des Fluches wirkt bis auf den heutigen Tag.

Diese „ruhelosen Geister" waren wohl in früherer Zeit die besten Beschützer der Weinbergsanlagen am Herchenberg. Auch diese sind verschwunden, wie der Weinbau im Brohltal überhaupt. Aber hier und da lebt noch einer, der sich an die verwilderten Weinstöcke am Herchenberg zu erinnern weiß.

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